Jens Kastner
Flüchtige Staatstheorie
In seinem neuen Buch Leben in der Flüchtigen Moderne revidiert der Soziologe Zygmunt Bauman die Staatskritik seiner früheren Schriften

Zygmunt Bauman: Leben in der Flüchtigen Moderne, Frankfurt a. M. 2007, Suhrkamp Verlag.

Bekannt geworden ist der Soziologe Zygmunt Bauman eigentlich durch seine Staatskritik. Einteilen und Ausschließen, das waren laut Bauman die zentralen Aufgaben der Kultur des modernen Staates. Er beschrieb sie ausführlich in Moderne und Ambivalenz (dt. 1995), das neben seiner Studie zum Holocaust (Dialektik der Ordnung, dt. 1992) seinen Ruf als staatskritischer Denker in der Tradition der Kritischen Theorie begründete. Aus dieser Tradition scheint er sich nun zu lösen.

In seinem im Mai 2007 auf Deutsch erschienenen Buch Leben in der Flüchtigen Moderne setzt Bauman ganz explizit auf Staatlichkeit. Er macht kein Hehl aus seiner Präferenz für sozialdemokratische Politik des Sozialstaates. Politisch verteidigt er das skandinavische Modell gegenüber dem „dritten Weg“ Tony Blairs und nimmt deutlich positiv Stellung zur gegenwärtigen Situation in Lateinamerika. Hier sieht er die Erneuerungen und/oder Wiederbelebungen der Sozialstaatsidee. Die Stimmungen und Entwicklungen in Venezuela, Bolivien, Brasilien und Chile belegen, so Bauman, die These Walter Benjamins, nach der die „entscheidenden Schläge“ in der Geschichte der Menschheit „mit der linken Hand geführt“ worden seien. Erstaunlich daran ist weniger die politische Stellungnahme als ihre theoretische Herleitung: Denn der Sozialstaat gilt Bauman nun als Institution par excellence, „die aus der Gesellschaft ein Gemeinwesen macht“. Er geht sogar weiter als andere SoziologInnen, die den Staat – gerade angesichts der so konstatierten Bedrohung durch den globalen Markt – für den Hüter sozialer Errungenschaften halten. Der Staat bewahre nicht nur die Möglichkeit für die/den einzelnen, ein System sozialer Fürsorge sowohl zu gestalten als auch davon zu profitieren. Bauman sieht in staatlichen Institutionen darüber hinaus die „Quelle der Solidarität“. Staat wird hier also nicht, wie im Anarchismus, als Ansammlung repressiver Apparate verstanden. Oder deshalb verworfen, weil er immer Teil kapitalistischer Vergesellschaftung ist, wie die materialistische Staatstheorie herausstellt. Und der Staat wird auch nicht – wie es im Anschluss an Lenin getan wurde – als bloßes Mittel betrachtet, um solidarische Verhältnisse einzuführen. So gesehen fällt Bauman nicht nur hinter die neuere linke Staatstheorie zurück, die den Staat als umkämpftes Feld beschreibt, sondern auch hinter Lenin. Denn er sieht Solidarität nicht als Effekt sozialer Kämpfe, die sich bestenfalls im Staat mal besser und mal schlechter verankern lassen, sondern als vom Staat selbst hervorgebracht. Der ursprüngliche Zweck des Sozialstaates habe gerade darin bestanden, allen Menschen den Respekt zu sichern, der ihnen zustünde und sie davor zu bewahren, fürchten zu müssen, „als `menschlicher Abfall´ betrachtet zu werden.“

Staatlichkeit

Hier schreibt wohl gemerkt jener Autor, der es einige Jahre zuvor noch mit der These zu fachübergreifender Anerkennung gebracht hat, der moderne Staat wäre eine Art selektierender Gärtner: Die rational geplante Gesellschaft, schrieb Bauman in Moderne und Ambivalenz, sei die „erklärte causa finalis des modernen Staates“ gewesen. Um dieses Ziel durchzusetzen, habe der Gartenbau-betreibende Staat den unkultivierten und wilden Zuständen der Bevölkerung die Legitimation entzogen und bestehende Reproduktions- und Gleichgewichtsmechanismen zerstört. Die staatlichen, im Einklang mit der Aufklärung entwickelten Kriterien der Vernunft, „unterteilten die Bevölkerung in nützliche Pflanzen, die sorgsam zu kräftigen und fortzupflanzen waren, und Unkraut – das entfernt und samt Wurzeln herausgerissen werden muß.“
Muss man also einmal fürchten, vom Staat aussortiert und auf den Kompost geworfen zu werden, trägt der Staat in der neueren Beschreibung gerade dazu bei, dass Kriterien für solcherlei Klassifizierung erst gar nicht aufkommen. Dass Bauman hier, wie man meinen könnte, von verschiedenen Staatsprojekten spricht, kann allerdings ausgeschlossen werden. Denn im einen wie im anderen Fall geht es ihm um eine allgemeine Charakterisierung des modernen Staates. So schreibt er in Leben in der Flüchtigen Moderne ausdrücklich, die Bedeutung des Sozialstaates liege in der gegenwärtigen Konsumgesellschaft nicht anders als in der vergangenen Industriegesellschaft darin, „die Gesellschaft vor `Kollateralschäden´ zu schützen, die das dominierende Prinzip des sozialen Lebens ohne sozialstaatliche Überwachung, Eindämmung und Lenkung verursachen würde.“

Gemeinschaft

Baumans neue Begeisterung für den Staat schlägt sich auch auf sein Verständnis von Gemeinschaft nieder. Gemeinschaft wird nun nicht mehr als gefährliches, weil ausschließendes und Konkurrenz betontes Phänomen beschrieben. In Postmoderne Ethik (dt. 1995) hatte es über zeitgenössische Gemeinschaften noch geheißen, sie zeichneten sich durch eine „militante Intoleranz“ aus. Mit Gemeinschaft waren dabei noch so unterschiedliche Phänomene wie „schwache Staaten“ oder identitätspolitische Bewegungen wie die feministische gemeint. Im neuen Buch sieht er auch das anders: Gemeinschaft, heißt es nun, sei wesentlich für die menschliche Fähigkeit, Vertrauen zu entwickeln. Aber dabei geht es eben nicht mehr in erster Linie um die so genannten Neotribes, also postmoderne Stammesphänomene. Sondern Bauman findet die Gemeinschaft jetzt im Sozialstaat skandinavischer Prägung. Dieser sei, schreibt Bauman in Abgrenzung von dessen neoliberalen Feinden, kein „Überbleibsel aus vergangenen Zeiten“. Er meint also durchaus die Gegenwart und nicht nur die Moderne seit der Französischen Revolution, wenn er konstatiert: „Der Sozialstaat ist die moderne Verkörperung der Idee der Gemeinschaft, ihre institutionelle Verwirklichung in der modernen Form eines abstrakten Kollektivs, das auf wechselseitigen Abhängigkeiten und Verpflichtungen sowie auf Solidarität beruht.“

Moral

Die Beschreibung und Wertung von Gemeinschaft wiederum hat Auswirkungen auf Bauman Konzeption von Moral. In Postmoderne Ethik hatte Bauman den moralischen „Universalismus“ noch als „vom Nationalstaat definiert und erzwungen“ kritisiert. Staatliche Gesetzgebung wie auch die in postmodernen Gemeinschaften entstehenden „moralischen Zwänge“, heißt es da, würden „das individuelle moralische Ermessen“ (…) „leugnen oder zumindest verkürzen“. Zwar verortet Bauman auch im aktuellen Buch den Ursprung der Moral noch in einer Art vor-gesellschaftlichen Sphäre – sie entstehe im „Angesicht des Anderen“ oder in der „Partei der „Zwei“. Dafür, dass moralisches Verhalten weiterhin existieren kann, gilt der Staat nun aber nicht mehr als Hindernis. Im Gegenteil, Bauman beschreibt den Sozialstaat heute als dafür zuständig, „dass wir das Gefühl für unsere ethische Verantwortung nicht verlieren.“
Gegen eine solche Verknüpfung von Staatlichkeit und Moral hatte Bauman in Dialektik der Ordnung noch vehement angeschrieben. Denn moralisches Verhalten an Normen zu knüpfen, laufe immer Gefahr, es auf „soziale Konformität und Gehorsam gegenüber jenen Normen, die die Mehrheit befolgt“ zu reduzieren. Seine eigene Mahnung, als Konsequenz aus dem Ausbleiben moralischen Verhaltens im Nationalsozialismus gezogen und an die/den Einzelnen ebenso wie an die Soziologie gerichtet, hat Bauman inzwischen offenbar selber vergessen.

erschienen in: graswurzelrevolution - 321 - September 2007

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