Jens Kastner
Hybridkulturen im Stellungskrieg
Zwei neue Bücher zu Fragen kollektiver Identität

Linda Supik: Dezentrierte Positionierung. Stuart Halls Konzept der Identitätspolitiken, Bielefeld 2005 (transcript Verlag), 122 S., 13,80 Euro.

Kien Nghi Ha: Hype um Hybridität. Kultureller Differenzkonsum und postmoderne Verwertungstechniken im Spätkapitalismus, Bielefeld 2005 (transcript Verlag), 130 S., 15,80 Euro.

Jede soziale Bewegung ist irgendwie mit kollektiver Identität beschäftigt: entweder in dem Bemühen, sie herzustellen, sie zu vermeiden und/oder sie zu bekämpfen. Daher ist es gut zu wissen, dass es sich bei einer solchen Identität um „kein Wesen, sondern eine Positionierung“ handelt, wie Stuart Hall es genannt hat. Unter den Fans der Cultural Studies – jener akademischen Forschungsabteilung, die sich kulturellen Symbolen, Ritualen und Praktiken widmet und bestenfalls deren Eingebundenheit in Machtverhältnisse thematisiert – sind die Schriften Halls mittlerweile Klassiker.
Für die theoretische Auseinandersetzung um soziale Bewegungen thematisieren sie nach wie vor die wichtigsten Fragen.
Eine deutschsprachige Darstellung seines Konzeptes von Identitätspolitiken stand bisher aus. Linda Supik hat sie nun geschrieben. Die angenehm zu lesende Studie schildert nicht den ganzen Theoriewust, den der aus der Karibik stammende Brite in den letzten vierzig Jahren verfasst hat, sondern beschränkt sich auf dessen Konzept von Identitätspolitik. Hall beschreibt genau genommen zwei verschiedene Arten, mit Identität Politik zu machen, im Buch Identitätspolitiken 1 und 2 genannt. Um eine Identität auszubilden, also ein „Wir“ zu formulieren und es politisch einzusetzen, benutzen Gruppen, Communities oder auch Nationen bestimmte Methoden.
„Identitätspolitik 1“ zeichnet sich vor allem durch den Gebrauch von Techniken wie „Namensgebung, der Um- und Aufwertung, der Vereinheitlichung und der Frontbildung“ aus. Vor allem in den sozialen Bewegungen und Befreiungskämpfen der 1960er und 1970er Jahre finden sich diese Formen: Begriffe wie „Schwarz“ wurden durch die Black Power Bewegung aufgewertet. Und um als starke Einheit gegen ausgemachte Gegner auftreten zu können, wurden unterschiedliche Erfahrungen vereinheitlicht: Die verschiedenen afrikanischen, karibischen oder indischen Migrationshintergründe standen nicht im Zentrum der Debatten, ebenso wie das „Wir Frauen“ des Feminismus ethnische oder Klassenunterschiede einebnete.
Für unterdrückte Minderheiten kann diese Form der Identitätspolitik auch heute noch relevant sein. Hall plädiert allerdings dafür, die selbst produzierten Ausschlüsse zu reflektieren.
Mit dieser Reflexion fängt das an, was Supik „Identitätspolitik 2“ nennt. Dabei wird davon ausgegangen, dass sich Geschichten und Geschichte „immer im symbolischen Rahmen der Repräsentation“ ereignen. Für die genannten sozialen Bewegungen heißt das, dass es zwar für den momentanen Kampf Einheit und Kraft spenden kann, nach einem „ursprünglichen Afrika“ oder dem „eigentlich Weiblichen“ zu suchen. Erfolgreich wird diese Suche aber nicht sein.
Denn unbeschädigt, eben außerhalb der Repräsentation, liegt beides nirgendwo vor.
Kulturelle Identität ist immer ein Aushandlungsprozess, an dem die AkteurInnen zwar selbst teilnehmen, in dem sie aber keine unvoreingenommenen, von Gleichheit geprägten Ausgangsbedingungen vorfinden.
Anders als rechte PopulistInnen oder auch so manche FreundInnen indigener „Völker“ behaupten, ist Identität keine naturgegebene Tatsache. Sie wird sozial hergestellt. Allein deshalb schon setzt sie sich aus verschiedenen, nicht statischen Einflüssen zusammen. Der Gedanke, dass es keine „reine“, unvermischte Kultur geben kann, wirft auch die Frage danach auf, wann und wie beim Vermischen Subversion möglich ist. In den Kulturwissenschaften hat sich für diese Fragestellung in den letzten Jahren der Begriff der „Hybridität“ herauskristallisiert. Umstritten ist nach wie vor, ob einzelne Subjekte – wie z.B. im Westen lebende Intellektuelle aus dem Trikont – hybrid sind, ob eher eine bestimmte Situation so bezeichnet werden soll oder Kultur überhaupt.
Supik fragt abschließend, ob das emanzipatorische Potenzial „kultureller Hybridität“, das Hall im intellektuellen und künstlerischen Milieu diagnostiziert hat, „auch auf dem Terrain Marginalisierter und Benachteiligter nutzbar gemacht werden kann, oder aber unterwegs von Markt- und Konsummechanismen eingeebnet wird“.
Dem geht auch Kien Nghi Ha in seiner kritischen Studie zum „Hype um Hybridität“ nach. Er formuliert dabei Einwände gegen multikulturalistische Folklore, die wegen ein paar Bundesliga-Spielern und MTV-Moderatorinnen mit schwarzer Hautfarbe und der Allgegenwart türkischen Fastfoods die hybriden Möglichkeiten bereits umgesetzt sieht. Ha begreift Hybridität nicht in erster Linie als kulturelle Logik und neue Technik in sozialen Kämpfen, sondern eben auch als „eine Warenform“. Den Dominanzkulturen stehen unzählige Mechanismen zur Verfügung, „ihre“ Minderheiten einzubinden, ohne ihnen gleiche Rechte zuzugestehen.
Damit haben noch alle sozialen Bewegungen umzugehen gehabt und werden es wohl auch weiter tun müssen.
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage neu, ob der Begriff der Hybridität überhaupt eine Waffe im Kampf um gleiche Rechte sein kann. Ha zeichnet die kulturhistorischen Prozesse nach, in denen Hybridität sich von einem Sinnbild unheimlicher Vermischung zum Paradekonzept radikaler multikulturalistischer Ansätze gewandelt hat. Er betont dabei, dass sich vor allem die Machtverhältnisse verändert haben, in denen sich Minderheiten bewegen. Dominanz wird nicht mehr durch den puren Ausschluss, sondern inzwischen auch über das Einbeziehen „der Anderen“ geschaffen und gewährleistet.
Denn die produktiven Aspekte von Melange und Mestizaje – alles Konzepte für ethnische und/oder kulturelle Mischungen – sind schon lange erkannt worden und werden genutzt. Frei nach dem Motto des bairischen Innenministers Beckstein: Wenn sie uns nützen. Und nicht zu vergessen: Hybridity sells. Populärkultur und Werbung haben längst den Reiz des Gemischten für ihre Feldzüge aufgegriffen. Wer macht also die Meter im „Stellungskrieg“, wie Hall – in Anlehnung an Antonio Gramscis Begriff – die kulturellen Auseinandersetzungen nennt?
Die sozialen Bewegungen oder der Coca Cola-Innenminister-Komplex?
Ha konstatiert nüchtern: Hybridisierung kann grundsätzlich „durch seine vielgestaltigen Optionen sowohl die Basis für den kulturell-technologischen Umbau spätkapitalistischer Erlebnisgesellschaften stellen als auch die kulturpolitische Repräsentation des Nicht-Repräsentierten ermöglichen“.
So ist einerseits sicherlich Supik und Ha in ihrer Skepsis zuzustimmen. Solange Minderheiten sich nur einbringen, aber nicht entscheiden dürfen, bleibt Hybridität nichts anderes als ein „postmodernes Versprechen“ (Ha). Gegen eine optimistische Aufweichung des Begriffes im Sinne eines „Alle sind hybrid“ ist nach wie vor auf die ungleiche Verteilung von materiellen und symbolischen Ressourcen hinzuweisen. Andererseits taugt Hybridität aber doch als politischer Kampfbegriff: gegen das gegenwärtige Erstarken soziobiologistischer Vorstellung zum Beispiel. Denn diese behaupten, es gebe ein relativ homogenes, genetisch vererbbares – ethnisches oder geschlechtliches – Sozialverhalten. Dagegen lohnt es sich, Stellung zu beziehen, soll das Interesse an sozialen Veränderungen nicht aufgegeben werden.

erschienen: graswurzelrevolution - Nr. 308 - April 2006

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