Maurice Schuhmann
Annäherung an eine Theorie „anarchistischer Individualität“

Gabriel Kuhn: Jenseits von Staat und Individuum. Individualität und autonome Politik, Unrast Verlag Münster 2007, ISBN: 978-389771-457-1, 168 Seiten, Preis: 14 €


Der Frage nach der Möglichkeit einer nicht „individualistischen Konzeption“ von Individualität bzw. einer „anarchistischen“ Form von Individualität, die sich deutlich von dem liberal-kapitalistischen Modell abgrenzt, geht Gabriel Kuhn in seiner Studie „Jenseits von Staat und Individualität“ nach. Er greift dabei das schwierige und seit jeher in sozialen Bewegungen und der Philosophie diskutierte Verhältnis von Individuum und Gesellschaft vor dem Hintergrund der Diskurse der Postmoderne auf. Sein Ziel ist eine Versöhnung von „Individualität“ und kollektiver Gemeinschaft. Dieses Thema, das in der aktuellen libertären Szene immer noch ein weitgehend blinder Fleck ist53, anzugehen verdient erst einmal ein großes Lob. Ebenso lässt sich positiv die Form seiner Herangehensweise an die Thematik über popkulturelle Elemente (Comic-Helden, Italo-Western, Straight Edge-Subkultur) und einen verständlichen, nicht zu akademischen gehaltenen Schreibstil erwähnen. Die Arbeit entstand ursprünglich als Seminararbeit an der Universität vor etlichen Jahren und wurde für die aktuelle Veröffentlichung überarbeitet und lässt sich flüssig lesen, obwohl an mancher Stelle der wissenschaftliche Duktus noch nicht ganz verschwunden ist und sich in fremdwortreichen Sätzen niederschlägt.
Ausgehend von der Analyse, die auf postmoderner Theorie, der Auseinandersetzung mit soziologischen Analysen (vor allem Ulrich Beck) und Rückgriff auf Erzeugnissen der autonomen Bewegung fußt, analysiert er den Individualismus in westlichen Industrienationen. Dabei ist sein Blick soziologischhistorisch ausgerichtet und versucht auch andere Disziplinen wie z.B. die Literaturwissenschaft und Philosophie mit in seinen Diskurs einzubeziehen. Beginnend mit einer Genealogie bzw. der Entstehungsgeschichte des Individuums und der Individualität sowie dessen Stellung zum Kollektiv / Staat (Neuzeitlicher Individualismus: Genealogie, Bestansaufnahme, Kritik), die er auf einer breiten, interdisziplinären Ebene – z. T. unterbrochen mit popkulturellen Elementen – nachvollzieht, kommt er zur folgenden Beschreibung von „Individualismus“ in den westlichen Industrienationen: „a.) die Einzelnen gelten als autonome Individuen, b.) dem Individuum kommt das existenzielle Primat zu, c.) die Individuen werden Grundlage ökonomischen, juridischen und politischen Denkens. “ (S. 87) Dem stellt er den Anarchismus entgegen (Das Vermächtnis des Anarchismus), in dessen Tradition er sein Konzept von „antiindividualistischer Individualität“, d. h. ein Konzept von Kollektivität jenseits der Dichotomie Individuum und Gesellschaft, verortet. Ansätze, die er in diesem Rahmen thematisiert sind u. a.: individuelle Verantwortung, Selbstrespekt, Kreativität und Pluralität. Er schlägt in diesem Rahmen wiederholt die Brücke zwischen den anarchistischen Theoretikern und der subkulturellen Praxis. In den beiden abschließenden Kapiteln – „Individualpolitik“ und „Auf der Suche nach Kollektivität“ – versucht er seine Überlegungen für autonome Politik zu übertragen. Dies lässt sich dabei m. E. auf das Postulat Gandhis bringen: „Be the chance in the world, which you want to see“, der seit jeher ein wichtiger Grundsatz anarchistischer Politik gewesen ist. Er thematisiert das Individuum als Träger der Veränderung. Weiterhin thematisiert er die Transzendenz als Möglichkeit zu reflektieren und sich aus gesellschaftlichen Rollen zu emanzipieren, um eine „antiindividualistische Individualität“ zu erlangen.
Leider bleibt in der Untersuchung vieles schwammig, was vor allem auf das Fehlen einer anfänglichen Definition oder näheren Bestimmung von „Individualität“ und „Individualismus“ zurückzuführen ist. Zeitweise wirkt es so, als ob Gabriel Kuhn den zugrunde liegenden Individualitätsbegriff wechselt oder für sich selber nicht geklärt hat. So fallen Begriffe wie Individualisierung / Individuation, Individualität, Individuum und Identität bei ihm zeitweise zusammen oder werden einfach nur unscharf benutzt, so dass er zum Teil grobe definitorische Fehler begeht. Dies zeigt sich auch in der oben zitierten Definition von Individualismus, die sehr verkürzt ist und viele Aspekte des Begriffes kurzerhand ausblendet. Andere philosophische Begriffe, die diese Begriffe tangieren und die Einordnung in manchen Aspekten erleichtert hätten wie z. B. der Begriff der „Persönlichkeit“ tauchen gar nicht auf. Eine solide Fundierung dieser theoretischen Basis, die bei einem Thema wie Individualität sehr kompliziert ist, hätte der Arbeit sehr gut getan und hätte präzisere Schlussfolgerungen und Ausblicke zugelassen. Das ist das größte Manko seiner Arbeit. Nach gängiger wissenschaftlicher Sicht wäre auch die Konstruktion von „antiindividualistischer Individualität“ zu hinterfragen. Kuhn verknüpft zwei nicht unbedingt zusammengehörige Begriffe miteinander. Der Begriff der Individualität ist als solcher wertneutral und sagt nichts über einen „-ismus“ aus, sondern beschreibt lediglich – grob formuliert – die Wesensmerkmale, die ein konkretes Individuum ausmachen. Zudem wird in der gängigen Forschung der Begriff des Individualismus weiter unterteilt in unterschiedliche Strömungen, deren Basis zwar das „Individuum“ ist, aber nicht unbedingt dessen „Individualität“ ist, sondern z. B. rein das Verhältnis „Individuum und Staat“ (unter Ausblendung von dem Konzept der Individualität). Vor diesem Hintergrund wirkt seine Kritik verkürzt und etwas oberflächlich. Auch der Versuch, interdisziplinär sich dem Ziel zu nähern, ist nur bedingt als gelungen zu betrachten. Die gewählten Rückgriffe auf einzelne Theorien wirken zeitweilig wahllos und bleiben häufig auf einer oberflächlichen Ebene stehen, was mit dem bereits angesprochenen Mangel einer Definition einhergeht. Statt sich mit dem Kollektivbegriff beim Freibeutertum zu beschäftigen, hätte Gabriel Kuhn lieber einmal in die einschlägigen philosophischen Lexika schauen sollen. Des weiteren blendet er leider die feministische Kritik von Individualitätskonzepten vollständig aus und berücksichtigt nur rudimentär die individualanarchistische Tradition, die sich schon seit langem mit der Frage nach der Individualität beschäftigt und unter Umständen diskussionswürdigen Input liefern könnte. Vor diesem Hintergrund muss mensch leider feststellen, dass Gabriel Kuhn sein Thema leider verfehlt hat und seinem Anspruch nicht gerecht wird. Er bietet erste Ansätze, aber keine adäquate Grundlage für die Diskussion und Neuformierung einer anarchistischen Theorie von Individualismus.



veröffentlicht in: Erkenntnis - E-JOURNAL DER PIERRE RAMUS-GESELLSCHAFT - Nummer 16 - Sommer 2008

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