Jens Kastner
Kämpferische Fragmente
Judith Butler und Gayatri Spivak über protestierende MigrantInnen, Nationalstaat und den Unwillen, sich Hannah Arendt singend vorzustellen

Judith Butler | Gayatri Chakravorty Spivak: Sprache, Politik, Zugehörigkeit, Zürich/Berlin 2007, diaphanes, 64 Seiten, 10 Euro.

Erst redet Judith Butler sechs Seiten lang über Staat (state) und den Zustand (state), in dem man über den Staat unter globalisierten Bedingungen reden kann. Dann fragt Gayatri Spivak in etwas mehr als einer Zeile: „Wollten wir nicht Hannah Arendt lesen?“ Dann wieder Butler, diesmal für die nächsten neunzehneinhalb Seiten. Über Hannah Arendt. Keine editorische Notiz, kein Vorwort, nicht einmal eine Fußnote weist die LeserInnen darauf hin, zu welchem Anlass dieses Gespräch zwischen den beiden Theoretikerinnen stattgefunden hat. Oder auch nur wann und wo. Als dann ab Seite 48 Gayatri Spivak endlich mal ausführlicher zu Wort kommt, sind es nur noch dreißig Seiten bis zum Schluss und man kann schon sicher sein, hier ist, warum auch immer, eine Chance vertan worden. Spivak ist seit ihrem Aufsatz „Can the subaltern speak?“ (1988) auf dem globalen und globalisierungskritischen Theorie-Parkett ein Star. Sie gehört neben Edward Said und Homi K. Bhabha zu den wichtigsten AutorInnen der Postcolonial Studies. Die von ihr mit konstituierte Postkoloniale Kritik setzt sich seit Jahren mit dem Eurozentrismus in den Wissenschaften und Künsten, aber auch mit den immer noch wirksamen, alltäglichen Folgen der europäischen Kolonialherrschaft auseinander. Anders als bei der noch bekannteren Philosophin Judith Butler, ist kaum einer ihrer Texte ins Deutsche übersetzt. Erst in Kürze erscheint ihr zentraler Aufsatz über die Möglichkeiten Marginalisierter, eine eigene Sprechposition oder gar Sprache zu finden, fast zwei Jahrzehnte nach seiner Erstveröffentlichung, auch in deutscher Sprache (Verlag Turia + Kant, Wien 2007). Ein Grund mehr, aus dem das vorliegende Gespräch mit einer kurzen Einführung in ihr Denken hätte eingeleitet werden können. Nicht zuletzt weil, wie Gespräche das eben so an sich haben, auch diese Unterhaltung alles Mögliche anschneidet und kaum etwas ausführt.

Nur kursorisch ist hier etwas über Spivaks Konzept des „Kritischen Regionalismus“ zu erfahren. Es geht dabei um ein nicht-nationales Modell politischen Handelns. Der Fehler alter sozialer Bewegungen soll dabei vermieden werden, die durch ihre Verteidigung zivilgesellschaftlicher Errungenschaften an der heutigen „Neudefinition des Staates beteiligt“ sind. Dieses Problem ist kein abstraktes, sondern stellte sich beispielsweise in der Bewegung der MigrantInnen, die 2006 in den USA für die Legalisierung und die Rechte der Illegalisierten kämpfte. Diese Bewegung durchzieht als Beispiel das gesamte Buch. Während der Proteste wurde die US-amerikanische Nationalhymne auf Spanisch gesungen. „Who sings the Nation-State? Language, Politics, Belonging“ heißt deshalb auch die englischsprachige Fassung des Gesprächs, ein Titel, dessen schöne erste Hälfte die deutsche Ausgabe unterschlägt – aber immerhin erwähnt. Das Singen der Nationalhymne war eine Aneignung „von unten“ und doch ein performativer Widerspruch, wie Butler es nennt, in dem das Getane dem Inhalt der Handlung widerspricht: Denn eine Nationalhymne, bringt Butler auf den Punkt, ist immer auch „eine Hymne an die Nation“. Und gerade die Nation ist es ja, die ausschließt. Weil hier aber autoritatives Sprechen untergraben, also von eigentlich nicht befugten Personen in einer nicht erlaubten Sprache gesungen wird, zeigt sich Butler angetan: Dieser performative Widerspruch müsse eben nicht in eine Sackgasse führen, sondern könne weiterhin „Formen des Aufstands“ hervorbringen.

Aber wollten wir nicht Hannah Arendt lesen? Obwohl Butler kaum ein gutes Haar an der Theorie der jüdischen Philosophin lässt und sich Hannah Arendt auch nicht „singend vorstellen“ möchte, eines hält sie ihr doch zu Gute: Sie sei eine der ersten politischen Denkerinnen des 20. Jahrhunderts gewesen, die „Argumente für das performative Sprechen“ geliefert habe. Indem sie in „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ (1951) zwischen den Schreibpositionen wechsele, mal „wir“, mal „man“, selten „ich“ sagt, wechsele sie auch die Perspektiven und mache dadurch darauf aufmerksam, dass durch Sprechen andere Möglichkeiten für politisches und gesellschaftliches Leben (ein-)gesetzt würden. Denn auch hier geht es, da Arendt sich mit der Frage der Staatenlosigkeit beschäftigt, um Ausschlussmechanismen des modernen Nationalstaates und die Frage, was dagegen getan werden kann. Dass ein solches Handeln gegen Ausgrenzungen ein kollektives sein müsse, dieser Gedanke finde sich ebenfalls bereits bei Arendt. Die Transformation von „ich“ zu „wir“, so Butler, reiche zwar für Wirksamkeit längst nicht aus, sei aber eine ihrer „notwendigen Minimalbedingungen“. Die Frage, wie sich „als ein `wir´ handeln“ (Butler) lässt, ohne damit wieder andere außen vor zu lassen, durchzieht Butler gesamtes Werk ebenso wie die nach dem Gelingen von Sprechakten: Unter welchen Bedingungen sind sprachliche Setzungen erfolgreich und wann müssen sie scheitern? Dass die singenden MigrantInnen mit ihrem Protest Erfolg haben und irgendwann eingebürgert werden, ist ebenso wenig auszuschließen wie dass sie dann Republikaner wählen.
Mit Hannah Arendt aber ist das nicht zu theoretisieren. Denn in ihrem, von der griechischen Polis hergeleiteten Begriff des Öffentlichen, sind Illegale nicht vorgesehen. Butler bemängelt dann auch, dass Arendt die der Polis zu Grunde liegende Ökonomie nicht kritisiert, jene der Ent-Politisierten, Sklaven, Frauen, Fremden, die das öffentlich-politische Leben erst ermöglicht haben.

Von Spivak erfahren wir noch, dass „regionale Schraffuren“, also die spezifische Art und Weise, wie bestimmte Regionen von globalen Entwicklungen betroffen sind, immer wieder Chancen beinhalten, der US-europäischen Weltordnung zu widerstehen. Kritisch ist dieser „Kritische Regionalismus“ aber nicht nur als regionale Sichtweise, sondern kritisch ist er auch gegen sich selbst: Emanzipatorische Wege garantiert er nicht. Weil das alles fragmentarischer bleibt, als nötig gewesen wäre, muss das Buch als herausgeberisches Ärgernis betrachtet werden. Aufschlussreiche Fragmente theoretisch-aktivistischer Kämpfe liefert es selbstverständlich alle mal.


erschienen in: graswurzelrevolution - 322 - Oktober 2007

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