Jürgen Mümken
Individualität als politische Religion

Ulrich, Jörg: Individualität als politische Religion. Theologische Mucken und metaphysische Abgründe (post)moderner Subjektivität. Albeck bei Ulm 2002 – Verlag Ulmer Manuskripte. 343 Seiten – 36 €


Individualität“ ist heute ein religiöses Heil-
versprechen. Das Heil kommt nämlich entweder
von Gott oder von der Gesellschaft.
Norbert Bolz


Ausgangspunkt der Dissertation von Jörg Ulrich ist die Betrachtung des Individuums als ModerierungsverliererIn der (Post-)Moderne. Die Arbeit will aufzeigen, dass die politische Philosophie heute keineswegs als theologiefreies Unternehmen betrachtet werden kann. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass die kapitalistische Ökonomie im Zeichen des Heiligen steht und die politische Philosophie mit einem neuen Kapitel in der Geschichte der Theologie zu tun hat. Ulrich betrachtet das Konzept der Individualität in (post-)modernen Gesellschaften als politische Religion bzw. „als eine bestimmte geschichtliche Form politischer Religiosität“ (S. 21).
Die mit großem Pathos verkündete Freiheit des Individuums durch die Aufklärung wurde – so Ulrich – nur halb realisiert „als Freiheit des Vernunftsubjekts und Warenbesitzers“ (S. 9). Er stellt zu recht über die Freiheit in den (post-)modernen Gesellschaften fest: „Freiheit bedeutet nicht mehr Überwindung manifester Unfreiheit und Unterdrückung von außen, sondern der im als authentisch gedachten Subjekt selbst verankerte Unfreiheit in einer Gesellschaft, in der Herrschaft zunehmend ohne Herrschende im klassischen Sinne auskommt“ (S. 19).
Zunächst erklärt Ulrich den Begriff der Religion und den gesellschaftlichen Funktionswandel der Religion in Unterschied zwischen vormodernen und modernen Gesellschaften. Nach der Klärung des Begriffes geht es um das Individuum als Erkenntnis- und Wirtschaftssubjekt. Mit Kant und Marx wird die Frage nach der Rückbindung des Individuums an eine wissenschaftliche und ökonomische Rationalität nachgegangen.
In Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung (1843/44) erklärt Marx in Anschluss an Feuerbach im Gegensatz zu Stirner die Kritik der Religion in Deutschland im wesentlichen für beendigt, gleichzeitig aber ist für ihn die Kritik der Religion die Voraussetzung aller Kritik. Für Ulrich benutzt Marx den Ausdruck „Kritik“ in doppelte Bedeutung. „Kritik der Religion“ bedeutet sowohl Kritik an der Religion wie auch Kritik durch die Religion: „Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks“ (MEW 1, S. 378). Für Marx ist die Religion einerseits richtige und berechtigte Kritik, anderseits aber nur eine Scheinkritik, da sie zugleich Ausdruck des Elends ist. Wie für Feuerbach ist für Marx die Religion eine Projektion des menschlichen Wesens:
„ Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen. Und zwar ist die Religion das Selbstbewusstsein und das Selbstgefühl des Menschen, der sich selbst entweder noch nicht erworben oder schon wieder verloren hat. Aber der Mensch, das ist kein abstraktes, außer der Welt hockendes Wesen. Der Mensch, das ist die Welt des Menschen, Staat, Sozietät. Dieser Staat, diese Sozietät produzieren die Religion, ein verkehrtes Weltbewusstsein, weil sie eine verkehrte Welt sind“ (MEW 1, S. 378).
Danach beschäftigt sich Ulrich mit den lebensweltlichen Konsequenzen der zuvor entwickelten theoretischen Bestimmungen und mit der Sektenhaftigkeit (post)moderner Individualität. Desweiteren beschäftigt er sich noch mit Nietzsche, Carl Schmitt und Ulrich Beck. Doch auf diese Themen möchte ich nicht eingehen, um jetzt auf eine anderes Thema der Dissertation zu kommen: Max Stirner.

Dem (post-)modernen Konzept der Individualität setzt Ulrich Stirners Konzept der Einzigkeit und Nicht-Identität entgegen. Das Kapitel heißt bezeichnender Weise „Max Stirner: Kritik der Menschenrechte Oder Die Geburt des Un-Menschen aus dem Geist des freien Individuums“. Für Stirner ist die Kritik der Religion durch Feuerbach eben noch nicht beendet. Die Aufklärung war für ihm keine Emanzipation von der Religion, sondern vielmehr die Vollendung des Christentums. Er sieht in der aufklärerischen Unterscheidung zwischen Frömmigkeit und Sittlichkeit, zwischen Glauben und Vernunft, zwischen Beten und Denken keine emanzipatorische Differenz. Die Aufklärungsvernunft bleibt für Stirner Religion, frau/mann könnte sie als „säkularisierte Religion“ bezeichnen, die das Prinzip der Religion auf das „Weltliche“ überträgt. Die „pfäffischen Geister“ möchten „aus Allem eine ‘Religion’ machen; eine ‘Religion der Freiheit, Religion der Gleichheit usw.’ und alle Ideen werden ihnen zu einer ‘heiligen Sache’, z.B. selbst das Staatsbürgertum, die Politik, die Öffentlichkeit, die Pressfreiheit, Schwurgericht usw.“ (Max Stirner: Der Einzige und sein Eigentum, Leipzig 1991, S. 85).
Zwar wurde Gott vom Sockel gestürzt, aber dem Mensch wurde an seine Stelle gesetzt, gegen diese Vergöttlichung des Individuums empört sich die/der Einzige als gelebte Nichtidentität. Stirner geht es dabei um die Kritik des Begriffes „des“ Menschen, denn „der Mensch ist der letzte böse Geist oder Spuk“ (Max Stirner: Der Einzige und sein Eigentum, Leipzig 1991, S. 202). Bei dieser Kritik stellt für Ulrich Stirner „nicht Individuum und Gesellschaft abstrakt gegenüber, sondern reflektiert genau die gesellschaftliche Bestimmtheit der Individuen durch eine Abstraktion, die er in dem Begriff ‘des’ Menschen verortet (S. 256). So wendet sich Stirner mit dem „Begriff der Einzigkeit gegen das Aufgehen des Individuums im Allgemeinen“ (S. 261). Für Ulrich sind Einzigkeit und Individualität zwei völlig verschiedene Dinge, da für ihn Individualität bestimmbar ist und die Einzigkeit nicht. Die Einzigkeit ist der Gegenpol zum Herrschaftscharakter der Individualität (1). Durch die „völlige Bestimmungslosigkeit“ ist die/der Einzige nur eine „Phrase“, „ein bloßes Wort, welches über Wort und Begriff hinaus will, existent aber nur ist als konkret gelebte Nichtidentität“ (S. 263). Diese gelebte Nichtidentität steht der im Zeitalter der (post-)modernen „Individualisierung zu beobachtenden Tendenz zur Selbstvergessenheit entgegen“ (S. 264). Die/der Einzige baut nicht auf Selbstverwirklichung und Selbstvervollkommnung, „sondern lediglich auf seine ‘auf Nichts gestellte’ Existenz, und zwar nicht im Sinne des Existentialismus, dem die Existenz der Essenz vorausgeht, so dass die Individuen je für sich ihr ‘Wesen’ finden müssen, sondern als das immer schon empirisch daseiende Wesen des Einzigen selbst“ (S. 264f). So werden Egoismus und Nichtidentität zu den zentralen Kategorien, die Stirner „gegen den bereits mit dem klassischen Liberalismus seinen Siegeszug antretenden Individualismus wendet“ (S. 268).

(1) Ulrich hat sicherlich Recht, wenn es ihm ausschließlich um die individualistische Individualität gehen würde, aber meiner Meinung nach steht die Einzigkeit nicht im Widerspruch zu einer nichtindividualistischen Individualität. Siehe dazu: Jürgen Mümken: Freiheit, Individualität und Subjektivität. Staat und Subjekt in der Postmoderne aus anarchistischer Perspektive, Verlag Edition AV, Frankfurt am Main 2003

erschienen in: Der Einzige – Heft 22 – Mai 2003

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