Jörg Ulrich
Warum die Menschen wollen, was sie sollen
Jürgen Mümken analysiert den Herrschaftscharakter postmoderner Subjektivität und Individualität

Jürgen Mümken, Individualität und Subjektivität, Staat und Subjekt in der Postmoderne aus anarchistischer Perspektive, 302 Seiten, Verlag Edition AV, Frankfurt am Main 2003

Eines der wichtigsten Themen der Gegenwart ist ohne Zweifel die Frage nach der spezifischen Form herrschaftskonformer Subjektivierung der Individuen in der postfordistischen bzw. postmodernen Phase der Entwicklung einer kapitalistischen Weltgesellschaft, deren Charakteristikum, trotz der immer wieder verbreiteten Freiheitseuphorie der intellektuellen Hofnarren unserer Modernisierungspolitiker, mit geradezu erschreckender Evidenz in der „Abwesenheit wirklicher Menschen“ (Richard Sennett) besteht.
Herrschaft wird nach einem jahrhundertelangen Zurichtungs- und Dressurprozess nicht mehr über die Individuen ausgeübt – sie geht durch sie hindurch, ist fest in ihrer geistigen, ja sogar in ihrer körperlichen Konstitution verankert. Der individualisierte, der „flexible Mensch“ in der „Kultur des neuen Kapitalismus“ (Sennett) ist je für sich genommen wahrhaft das Ensemble der gesellschaftlichen Macht- und Herrschaftsverhältnisse.
Jürgen Mümken ist in seinem neuen Buch über „Freiheit, Individualität und Subjektivität“ den mit dieser neuen Herrschaftsform gegebenen komplexen Fragestellungen mit großer Sorgfalt und mit umfangreichen Analysen nachgegangen. Im Mittelpunkt der Überlegungen steht die Frage nach der „freiwilligen Knechtschaft“ der Individuen, die sich zunächst ausdrückt im „Willen zum Staat“. In dem Versuch, poststrukturalistische Theoreme mit anarchistischen Denkansätzen zu vermitteln, schaltet Mümken dem Kapitel über den Staat einige Bemerkungen zum Poststrukturalismus vor, in erster Linie zu einigen für die eigene Untersuchung wichtigen Aspekten aus den Arbeiten von Michel Foucault. Diese Vorgehensweise rechtfertigt sich dadurch, dass „die Frage nach dem Subjekt und seiner Subjektwerdung im Zentrum dieser Theorien“ (S. 18) steht. Wichtig ist hier die Genealogie des Subjekts, der geschichtliche Weg der Konstitution bzw. der Produktion von Subjektivität, auf dem die den Subjekten zunächst äußerlichen Herrschaftstechniken tendenziell in diese selbst sozusagen einwandern. In der Entwicklung des Staates zum Verwaltungsstaat ab dem 15./16. Jahrhundert vollzieht sich der Wandel von der direkten Herrschaft von Menschen über Menschen zur abstrakten Herrschaft von Verhältnissen. In dieser von Foucault so genannten „Gouvernementalität“ wird „das Leben der Menschen (...) zum kalkulierten Objekt von Regierungspraktiken“ (S. 33) und deren systematischer Produktion von „Normalität“ durch die Herrschaft des statistischen Mittelwertes, also einer abstrakten Rationalisierung, welche die Gesamtheit der Individuen zum Allgemeinbegriff der „Bevölkerung“ zusammenfasst.
Konkretisiert wird diese zunächst rein theoretisch vorgestellte Problematik in dem folgenden ausführlichen Kapitel über den Staat und die verschiedenen Spielarten der Staatskritik. Neben den wichtigsten Aspekten der anarchistischen und der marxistischen Staatskritik geht es auch um die grundsätzliche Darstellung der liberalen Staatsauffassung, hier vor allem um die zentrale Bedeutung der Armutsfrage bzw. des Pauperismus, und schließlich um die neuere Konzeption des „Empire“ von Michael Hardt und Antonio Negri.
Es würde in einer Kurzrezension zu weit führen, die außerordentlich material- und detailreichen Ausführungen Mümkens zu diesen Themenkreisen ausführlich zu referieren und zu würdigen. Doch bereits das Kapitel über den Staat, soviel sei gesagt, ist eine wahre Fundgrube für alle, die sich mit der hier skizzierten Thematik auseinandersetzen wollen.
Es folgt ein weiteres Kapitel über die einst von Adorno so genannte Problematik des Identitätszwangs, die Mümken am Beispiel der Sex-Gender-Debatte diskutiert. Das Subjekt befindet sich immer schon im Spannungsfeld zwischen Autonomie und Heteronomie. Seine Identität, auch und gerade als Geschlechtsidentität, ist ein geschichtlich-gesellschaftliches Produkt und keine Naturqualität. Deshalb ist diese Identität als quasi natürliche zu dekonstruieren, wie überhaupt der Begriff des authentischen, des mit sich selbst identischen Menschen insgesamt als ein soziales Konstrukt und die Basis der Macht- und Herrschaftsentwicklung in der Moderne bzw. Postmoderne kritisch unterlaufen werden muss. An dieser Stelle kommt Max Stirner ins Spiel als der Identitätsverweigerer schlechthin. Im anschließenden Kapitel versucht Mümken, einige Parallelen zwischen Stirner und dem Poststrukturalismus, insbesondere demjenigen Foucaults, zu ziehen, wobei vor allem der bei beiden Theoretikern zentrale Antihumanismus hervortritt. „Stirner stellte wie auch später Foucault den humanistischen Konsens seiner Zeit radikal in Frage. Stirner beobachtet im Säkularisierungsprozess und durch die Aufklärungsvernunft eine Verinnerlichung von Normen und der Fortschritt und der Humanismus erschienen ihm als ’Dressur‘ zur Menschlichkeit.“ (S. 223) Beide, Stirner und Foucault, sehen im Siegeszug der bürgerlichen Vernunft den Übergang von der Pastoralmacht zur Disziplinarmacht. „Das christliche Dreieck ’Gott – Kirche –Glaube‘ wird durch das liberale 'Mensch – Staat – Wissenschaft‘ ersetzt.“ (S. 220 f)
Wie also ist Freiheit zu denken und vor allem zu leben, wenn, wie Mümken im Anschluss an Foucault herausarbeitet, selbst die Techniken der Befreiung, sofern sie sich im Rahmen der herrschenden Logik und Vernunft bewegen, zu einer Weiterentwicklung und Verfeinerung von Macht und Herrschaft beitragen? Zum Abschluss skizziert der Autor eine ganze Reihe von Freiheitskonzeptionen und kommt zu dem Schluss, dass der Freiheitsbegriff auf jeder jeweils geschichtlich erreichten Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung neu gedacht und neu formuliert werden muss. „Es ist notwendig und wichtig, unseren Blick auf die Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse zu richten und alle theoretischen und praktischen Werkzeuge zu benutzen, die uns helfen unser Ziel zu erreichen: Die Freiheit aller Menschen in einer freien Gesellschaft, die Anarchie!“ (S. 278)
Problematisch daran bleibt allenfalls die hier vorgenommene Selbstidentifikation des Autors als Anarchist. Warum sich identifizieren, sich ausweisen? Wenn die Freiheit aller Menschen in einer freien Gesellschaft jemals erreicht werden sollte, dann bedarf dieser Zustand sicher keiner Etikettierung. Ist es nicht schon ein Zeichen der Widerständigkeit, sich durch Identifikationsverweigerung dem herrschenden Identitätszwang zu entziehen?
Wie dem aber auch immer sein mag: Jürgen Mümken hat ein äußerst verdienstvolles Buch geschrieben, dessen Lektüre all denen wärmstens zu empfehlen ist, die mit dem Autor ebenso wie mit seinem Rezensenten das unbezähmbare Bedürfnis verspüren, die heute immer noch andauernde, jetzt allerdings im Unterschied zu früheren Zeiten in den Subjekten verankerte Knechtschaft zu überwinden.

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